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und Verwüstungen
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zum 50. Todestag

Von Wüsten, Wüstungen und Verwüstungen


Flyer

"DIE WÜSTE WÄCHST: weh DEM, der Wüsten birgt"

Dieses wohl berühmteste Wüstenzitat der Weltliteratur aus dem "Zarathustra" Friedrich Nietzsches wirft, die philosophische Dimension einmal außer Acht gelassen, sofort auch die Polyvalenz des Begriffes Wüste auf. Eine Wüste und das was sie ist, ist immer untrennbar mit dem verbunden, der über sie spricht. Der Eine spricht vielleicht von einer realgeographischen Wüste, ordnet diese in seinem Kategoriengebäude nach Sand-, Stein-, Wasser-, Gras-, Trocken-, Halb-, etc.- wüsten. Der Andere spricht von metaphorischen Wüsten, oder auch von seelischen Wüsten: "...dass wir, die wir nicht der Wüste entstammen, aber in ihr leben, in der Lage sind, die Wüste in eine menschliche Welt zu verwandeln.", schreibt Hannah Arendt. Jede Wissenschaft und ihre Kategoriengebäude, jeder Mensch und jede menschliche Beziehung oder jedwedes menschliche Tun birgt oder verdeckt Wüsten.
Die Wüste als Metapher steht auch für den Ort der Leere, für den Ort ohne Horizont, für außergesellschaftliche Einsamkeit, für Verlassenheit. Derrida spricht sogar von dem furchterregenden Abgrund der Wüste in der Wüste: "Jenes, was man noch kommen lassen muss, jenes, was dadurch bleibt, dass man es kommen lässt." Der Künstler denkt hier unweigerlich an das unbeschriebene Blatt Papier, die noch jungfräuliche Leinwand, das unberührte Material: Die Wüste, die es zu bearbeiten gilt, der Gedächtnis-, Schreib- und Schaffensprozess.

Dies war wohl ein innerlich Sehen
Ein innerlich Auferstehen
In mir selbst erwachte der Geist
Die Wüste, das waren die Wehen
In denen mein Leben gekreißt.

So dichtet der Romantiker Clemens Brentano "Ich bin durch die Wüste gezogen"


Eine "Spezialwüste" ist die Wüstung. An ihren Hinterlassenschaften und Fragmenten erkennt man sie. Ihre ehemalige Funktion, ihre Funktionselemente liegen brach. Kein Mensch nutzt sie mehr zum leben oder wirtschaften. Die Natur, der Zahn der Zeit nagt unaufhörlich. Unter einer Wüstung versteht man eine aufgegebene Siedlung oder Wirtschaftsfläche (Landwirtschaft, Handwerk, Industrie). In gemäßigten und humiden Klimaten Mitteleuropas werden diese ungenutzten Flächen im Laufe der Sukzession von Pflanzen bewachsen und zu Wald. Zeiten, in denen viele Siedlungen durch Bevölkerungsrückgang aufgegeben wurden, nennt man Wüstungsperiode (z.B. Pest, Dreißigjähriger Krieg). Der Begriff der Wüstung wird dabei in der Regel nur innerhalb weiter bestehender Siedlungsgefüge benutzt. Aufgegebene Siedlungen vorgeschichtlicher Zeit werden daher normalerweise nicht als Wüstung bezeichnet. Auch in der Antike gab es Wüstungen, ohne dass man sie für gewöhnlich aber als solche bezeichnet. Im Meer untergegangene Ortschaften bezeichnet man hingegen zumeist nicht als Wüstung. Wüstungen sind Ergebnis von Verwüstungen des Verlassenen, beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Verwüstungen aber erzeugen nicht unbedingt Wüstungen, sondern deren Hinterlassenschaften sind vielfältiger.

"Von Wüsten, Wüstungen und Verwüstungen" ist die Fortsetzung des 2005 begonnenen deutsch-polnischen Künstlerdialoges "Philosophen in der Ruhmeshalle" im Dom Kultury Zgorzelecz und in der Galerie Klinger Görlitz für das Jahr 2007.

Die Ausstellungen in beiden Objekten findet am 8. September 2007 statt.

Die Ausstellung hat einen Bezug zu den Aussiedlungsgebieten, gerade in der Stadt Görlitz, die als geteilte Stadt, direkt das Schicksal der Vertreibung repräsentiert, und ist Teil einer grenzüberschreitenden Kulturmaßnahme, die ganz bewusst deutsche und polnische Standpunkte verbindet.

Innerhalb des Projektes kommt es zu einer großen Klangperformance. Die Künstlergruppen SARDH und SCATOLOGY werden fieldrecordings (objektklangaufnahmen) direkt an der Neiße, an Orten der Trennung, der Verwüstung, der Wüstung vornehmen und diese in einer Komposition verarbeiten, die während der Vernissage im Dum Kultury uraufgeführt wird. Die Neiße bildet um Görlitz herum noch eine sichtbare Demarkationslinie als Ergebnis des 2. Weltkrieges. Mauern, Stacheldraht, verrottete Brücken, unterbrochene Eisenbahnlinien, sichtbare Brückenköpfe werden Klangresonanzkörper.

Der amerikanische Klangpoet Sadiq Bey entwickelt seine musikalische Arbeit zu Jacob Böhme weiter. Seine neuen Arbeiten werden in der Galerie Klinger aufgeführt.

EGO Bar präsentiert die Kunst CD Box "Ajax zum Beispiel" von Heiner Müller, an der Blixa Bargeld, Joachim Witt, Sybille Berg, Günter Baby Sommer und Gregor Gysi mitwirkten. Dieses vertonte Text geht unmittelbar auf die furchtbaren Ereignisse des 2. Weltkrieges und die daraus resultierenden Ergebnisse ein.

Das Projekt wird gefördert durch das Sächsische Staatsministerium des Innern. Dank geht an die Stadt Görlitz.

Die Künstler:

Jakub Najbart - Krakau
Piotr Korzeniowski - Krakau
Ryszard Kayzer - Warschau
Anita Pasikowa - Warschau
Janusz Radtke - Nürnberg
Detlef Schweiger - Dresden
Ulrike Beckmann - Solingen
Holger Wendland - Oelsnitz / Erzgeb.

Musik:

Sadiq Bey - N.Y.C., Berlin, Rom
SARDH - Dresden
SCATOLOGY - Dresden
EGO Bar - Dresden

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