“Что делать?” – Lenin zwischen Hopp und Pop | Virtuelle Vernissage

Eine Ausstellung des Kultur Aktiv e.V. in der Galerie nEUROPA.
Aufgrund der aktuellen Situation erstmals als virtuelle Vernissage präsentiert.

„Ich kann an keinem Lenin vorbeigehen, ohne ein Foto zu machen.“ Das schreibt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk in seinem Roman „Der Osten“. Und so geht es heute – mit einigem historischen Abstand – vielen, die zwischen Krieg und Fall der Mauer in den Ländern des Ostblocks geboren wurden. Damals, als der Sozialismus noch real existierte, war die Figur Lenins allgegenwärtig. Er war einfach da, wie es schien: schon „immer“. So fiel es leicht, ihn zu ignorieren. Doch, so fragt sich Stasiuk: „Habe ich den Schatten nicht bemerkt, in dem wir lebten?“

Fotografie ist ein Werkzeug der Erinnerungskultur. So erklärt sich dieser Drang, trotz des Wissens um den „Schatten“ Lenin-Denkmäler zu fotografieren, mit der Ambivalenz des Objekts. Lenin zählt als Anführer der Oktoberrevolution und Gründer der Sowjetunion zweifelsohne zu den prägenden politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Auf der einen Seite war er ein Vordenker für die große Idee, die Unterdrückung von Arbeitern und Bauern zu beseitigen, eine ausbeutungsfreie Welt zu schaffen. Auf der anderen Seite war er ein gnadenloser Befürworter brutaler Gewalt gegen jegliche Opposition, gegen Andersdenkende, um diese Idee durchzusetzen. Der Zweck sollte die Mittel heiligen, doch die Mittel haben den Zweck, die Idee, für Generationen, wenn nicht für immer, diskreditiert.

Die Schuld am sowjetischen Repressionssystem, an den politischen Säuberungen, an den Gulag’s, an den Abermillionen Toten wurde Stalin nach dessen Tod allein zugewiesen. Lenin hingegen wurde zur „Ikone“ des kommunistischen Weltsystems erhoben. Überall in der Sowjetunion und in den Ländern des Ostblocks entstanden tausende Standbilder des kommunistischen Revolutionsführers. Wo ein Lenindenkmal errichtet wurde, war es ein Symbol für die Herrschaft der Sowjetmacht.

Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems vor nunmehr 30 Jahren kehrte sich die Symbolik um. Der Sturz dieser Denkmäler stand nun für die Abkehr vom Kommunismus, für die Befreiung aus der Sowjetherrschaft, für die Loslösung von der Sowjetunion. So verschwanden die Leninstatuen in fast allen Staaten des ehemaligen Ostblocks aus dem öffentlichen Raum. Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte sich dieser Prozess mit der „Dekommunisierung“ in den Republiken, die wieder ihre Unabhängig erlangten, fort. Nur in Russland, Belarus und Transnistrien blieben die Lenin-Denkmäler weitestgehend erhalten.

Mit gleicher Vehemenz und Geschichtsvergessenheit, mit der Lenin einst glorifiziert wurde, versuchte man nun, sich seiner Erinnerung zu entledigen. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nennt man diesen Prozess „Leninopad“, zusammengesetzt aus „Lenin“ und der Endung “pad“, die im russischen für „Fall“ steht, abgeleitet vom Verb „padat“, das sich mit „fallen“ oder „stürzen“ übersetzen lässt. Seine Denkmäler wurden vom Sockel gehoben oder gestürzt. Dann sollten sie schnell verschwinden, wurden zerschlagen, vergraben oder verkauft. Doch lassen sich Geschichte und Erinnerung zerschlagen, vergraben oder verkaufen?

Zwischen „Hopp“ – der Bilderstürmerei, dem Verdrängen oder Vergessen der Geschichte – und „Pop“ – der erneuten Glorifizierung der Figur Lenins – bietet der historische Abstand heute diverse Möglichkeiten, sich unter neuen Aspekten mit seinem Wirken auseinanderzusetzen.

© Foto: Jan Oelker

“Что делать?” – „Was tun?“ Auch der Umgang mit seinen Denkmälern kann mit dem in den letzten Jahrzehnten hinzugewonnenen geschichtlichen Wissen neu bewertet werden. Der Verein Kultur Aktiv nimmt den bevorstehenden 150sten Geburtstag Lenins zum Anlass für diese Ausstellung, in der sehr unterschiedliche Ansätze für den Umgang mit den erhaltenen Leninstatuen gezeigt werden. Der Kanon der ausgestellten Foto-Arbeiten reicht dabei vom klassischen Lenin-Museum in seiner Geburtsstadt Uljanowsk, über Parks für Sowjetskulpturen in Russland, der Ukraine, Ungarn und Litauen, bis hin zu einer Serie über den „Leninopad“, dem Sturz der Lenin-Denkmäler in der Ukraine. Außerdem werden verschiedene Positionen zur Geschichte des Dresdner Lenin-Denkmals erstmals zusammen gezeigt.

Mit den Fotos von Niels Ackermann (CH), Aleksandr Sinelnikov (UA), Elena Pagel (RU/D), Matthias Rietschel (D), Matthias Schumann (D), Lothar Sprenger (D) und Jan Oelker (D), sowie den Dokumentationen von zwei Projekten, die der Münchner Bildhauer und Medienkünstler Rudolf Herz (D) mit dem Lenin-Denkmal vom Wiener Platz in Dresden initiierte, liefert diese Ausstellung ein visuelles Plädoyer für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der historischen Figur Lenins und mit seinen Denkmälern – weder „Hopp“ noch „Pop“.

Jan Oelker (JO)

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