MAGnEUROPA Annemarie Schwarzenbach

Redaktion
Holger Wendland

Sprache
Deutsch

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© Kultur Aktiv e.V. | 2019

„Wer ihr begegnete, verliebte sich in Annemarie Schwarzenbach, die pagenhaft anmutige, grazile, blitzgescheite Horgener Fabrikantentochter, die mit dreiundzwanzig ihren Doktor machte und den Verkehr mit ihrem Sportwagen ebenso durcheinanderbrachte wie das elterliche Gut Bocken mit ihrem unkonventionellen Verhalten. Das ‚schöne Antlitz eines untröstlichen Engels‘, soll sie laut Roger Martin du Gard gehabt haben. Und Thomas Mann sagte zu ihr: ‚Merkwürdig, wenn Sie ein Junge wären, dann müssten Sie doch als ungewöhnlich hübsch gelten!‘ Die eigene Familie aber attestierte ihr nichts weniger als ‚moralische Verworfenheit‘, denn statt Heiratskandidaten aus guten Häusern liebte General Willes am 23. Mai 1908 geborene Enkelin Freundinnen wie Erika Mann, Therese Giehse oder Carson McCullers! An männlichen Partnern kamen, wenn überhaupt, nur feminine, ephebenhafte Typen in Frage: Klaus Mann, den sie zärtlich verehrte, oder der Diplomat Clarac, den sie heiratete, um als Französin der familiären Obhut zu entkommen. Seit 1930 gehörte sie zum Kreis um die Mann-Kinder Klaus und Erika, mit denen sie nicht nur die literarischen Ambitionen, sondern bald auch die Vorliebe für Alkohol, Morphium, schnell wechselnde Freundschaften und pausenloses Reisen teilte. … Zu ihrer professionellen Spezialität aber wurde das persönlich gefärbte, mit eigenen Fotos illustrierte Reisefeuilleton – Resultat von tollkühnen Autofahrten an die Riviera, nach Spanien, Nordeuropa, quer durch Amerika und bis nach Afghanistan und Indien. … Eine Begabung, ja, aber eine, die auf intimer Ebene erkauft werden musste – mit einer Kette von Nervenzusammenbrüchen, Suizidversuchen, Drogenvergiftungen, Internierungen und Entziehungskuren. Bis sie 1940 – der deutschen Literatur ins Exil gefolgt und zum Englischen übergegangen – in die Fänge der amerikanischen Zwangspsychiatrie geriet und innerlich zerbrach. Über die Zwischenstation Belgisch-Kongo auf abenteuerlichem Wege nach Sils-Baselgia im Engadin heimgekehrt, starb sie, so die offizielle Version, am 15. November 1942 34-jährig an den Folgen eines Fahrradunfalls. … Annemarie Schwarzenbach selbst aber hat sich ein wundervolles Denkmal gesetzt mit jenem Buch, das alle ihre früheren und späteren Versuche, so interessant sie aus biografischen, zeitgeschichtlichen, soziologischen oder genderspezifischen Gründen sein mögen, vergessen lässt: ‚Das glückliche Tal‘ von 1939. In dieser tagebuchartigen lyrischen Rhapsodie, Frucht eines Persienaufenthalts von 1935 – im Jahr 1938, während einer Entzugskur, unter Drogeneinfluss in poetisch-hymnische Form gebracht – ist auf dichterisch vollendete Weise festgehalten, was diese Frau an Ausserordentlichem auszeichnete: die Fähigkeit zu trauern, die Bereitschaft zum Tode und der unbedingte Wille, zwischen Welt und Nation, Mann und Frau, Zeit und Ewigkeit alle Grenzen niederzureissen.“

Brillant, charmant und eigenwillig ist dieser lexikalische Extrakt von Charles Linsmayer, der auch eine umfangreiche Biographie unter dem Titel „Annemarie Schwarzenbach. Ein Kapitel tragische Schweizer Literaturgeschichte“ verfasste. Die Reisejournalistin und Photographin arbeitete im Auftrag von Schweizer Tageszeitungen und Magazinen und hinterließ uns excellente stilistische Perlen, die mitunter ge trost als Prosa-Gedichte gelesen werden können: „Basarfeuer, Lärm von Stimmen und Hämmern in den engen Gassen; Pferdegetrab und Rufe der Droschkenkutscher in endlos breiten, sandigen Avenuen, endlose, hohe Gartenmauern, hinter denen sich im Dunkel Wipfel wiegten, und keine Sterne, eine schwach erhellte Decke statt des Himmelsgewölbes …“

Meisterhaft verstand sie es, eine Landschaft bestimmende Naturgewalten und Elemente wie die Farben, die Winde, die Ödnis oder die Fruchtbarkeit des Bodens und deren Auswirkungen auf den Alltag der Annemarie Schwarzenbach (Bewohner in ihrem jeweiligen soziologischen Kontext zu beschreiben. In einer ihrer Marginalien, am Amu-Darja im afghanischen Turkmenistan beschrieb sie mit Worten ein Leben in Zeit und Raumlosigkeit: „Eines Tages begegnete mir ein Jäger. Er trug als einzige Waffe einen Stock mit eisernen Haken – damit und mit seinen drei langohrigen, seidigen, schnellen Windhunden erlegte er Hasen, allerlei Vögel, manchmal eine Gazelle. Ich fragte ihn, ob er mir einen seiner Tazi verkaufen wolle. Nicht für hundert Afghani, sagte der Mann und ging davon. Ich sah ihn zwischen Sanddünen und Scherbenhügeln untertauchen, die Hunde jagten voraus wie ausgesandte Pfeile. Er musste einen langen Heimweg haben. Aber was zählte für ihn der Raum, der Tag, und der nächste! Was galten ihm Gegenwart und Zukunft, ihm der den Staubsturm nicht fürchtete!“ Und auf allen ihren Reisen begleitet Annemarie Schwarzenbach eine Kamera, die sie sogar träumerisch verklärte: „Ich schlafe auf meinem Sattel, – ich träume von Früchten, – erwache, weil das Tier sich in Trab setzt, und merke, dass ich meinen Fotoapparat in der Hand für einen Apfel halte, und hineinzubeissen versuche!“

Und die damit entstandenen, sorgfältig komponierten Photographien unterstützen nicht nur ihre Reportagen und Notate, im Gegenteil, sie sind eine wahre Schatzgrube eigenständigen Ausdruckswillens. Sie sind Zeugnis ihres wachen Interesses am Schicksal von kulturellen Leistungen der Völker, deren Menschen und ihres Alltags und an den Auswirkungen von Macht und Politik.

Im krassen Gegensatz zu ihren Eltern, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, war Annemarie Schwarzenbach bekennende Antifaschistin. Dies hielt sie nicht ab, Tschechien nach der Angliederung des Sudetenlandes und Danzig nebst Ostpreussen und auch Österreich 1937/38 zu bereisen. Sie photographierte NS-Flaggen, Aufmärsche, Protagonisten mit Hakenkreuzbinden. Ein Zeitungskiosk mit seinen Auslagen von BZ, Filmwoche und der Stürmer-Ausgabe mit dem Titel „Jüdische Blutschande“ in Danzig ist ein beredtes Zeugnis dieser Zeit. Sie will im Danziger Theater die Don Carlos-Aufführung besuchen. Aber sie kann keine Karte ergattern. Goebbels ist anwesend, so wird sie, da sie keinen besonderen Ausweis vorzeigen kann, abgewiesen: „Und so gebe ich es denn auf und erlebe die Festaufführung von Don Carlos wie die anderen Volksgenossen, nämlich von aussen. Sie stehen da, Kolonnen von Hiltler-Jungen und -Mädchen und die diensttuenden SS-Männer, und warten auf die Pause, weil dann Dr. Goebbels vielleicht an das Fenster des Theaters treten wird. Und um sich die Zeit zu vertreiben, singen sie das Horst-Wessel-Lied, jetzt schon zum zwanzigstenmal. Mir aber passiert es, dass ich beim zwanzigsten Mal vergesse, den rechten Arm hochzuheben – und schon zischt mich eine böse, harte Frauenstimme an: ‚Heben Sie gefälligst sofort den Arm, sonst werden wir sie der Polizei anzeigen.‘ Ich erschrecke, nicht so sehr über die Drohung, sondern über den Klang der Stimme und über das tückische, von unbegreiflichen Hass verzerrte Gesicht, in das ich blicke.“

In Salzburg und Wien gelingen ihr veritable Aufnahmen dieses dumpfen Ideologiewahns. Und ein vielleicht nur nebensächliches Notat aus einem ein verleibten ehemaligen tschechischen Gebiet unter stützt dies bestens: „Frau Auguste Neise aus Herrnskretschen (Elbsandsteingebirge) weiss sich dem Gebot der Stunde anzupassen: Die Nazis ziehen ein – da ist es vorsichtig, das Wort ‚Prager‘ vor ‚Selchwaren‘ vom Ladenschild zu entfernen – , obwohl die ‚Prager Schinken‘ zu recht berühmt waren.“ So dringt der Wahnsinn in den Alltag.

Da dieses Ausstellungsprojekt innerhalb des Programmes „VERTOVISm-WORLDWIDEWORKnoise“ realisiert wird, wollen wir mit unserer Ausstellung ein Spezialgebiet im photographischen Schaffen der Annemarie Schwarzenbach, die von ihr dokumentierten Arbeitswelten, in den Mittelpunkt stellen. In Gdingen am Gotenhafen, auf dem Kohlenumschlagsplatz, komponierte sie konstruktivistisch anmutende, auf Elementarlinien und Formen konzentriert reduzierte Arbeitsrealitäten, die durch die geschickte Wahl von Aufnahmewinkel und Bildausschnitt bestimmt sind. Diese stehen in einem krassen Gegensatz zu ihren Aufnahmen archaischer Hafenwelten in Estland oder zu denen in Belgisch-Kongo. Hier dominiert nicht die Technik den Bildausschnitt, hier dominiert die einfache harte menschliche Arbeit die Hafenrealität. In einem Brief schreibt sie: „Hier in den U.S.A., bin ich so etwas wie ein ‚Labor writer‘ geworden.“ Sie bereist die Vereinigten Staaten während der Zeit der großen Rezession. „Ich sah die Armut in den Gruben und Holzfällerlagern von Tennessee, das Elend der schwarzen ‚Scarecroppers‘ (Baumwollpächter) und ihrer weissen Feinde und Schicksalsgenossen auf den zerfallenen Plantagen. Ich sah die Rückständigkeit, Unfreiheit, Verseuchtheit und Unterernährung in den grossen Städten Birminham, Chattanooga, Atlanta, sah noch schlimmere Zustände unter dem weissen Proletariat der ‚Mill villages‘, der Textilfabrik-Dörfer in der Gegend von Columbus, Georgia, und Charlotte, North Caroline.“ In Altoona/Pennsilvania wird ihr der Besuch in der Textilfabrik des amerikanischen Tochterunternehmens der familieneigenen Firma verwehrt. Überhaupt wird ihr sehr oft das Photographieren verboten, wie auch in Pittsburgh in der bedeutenden Stahlgesellschaft von Jones&Laughlin. Mitreißend bildlich beschreibt sie die Stahlkocherei und sogar der NOISE dröhnt in den Ohren: „Dann wurden wir eingeweiht in das Geheimnis des schmelzenden Elements. Der Anblick war atemberaubend: Trotz aller perfekten technischen Erfindung und Routine schien es uns noch so elemtar zuzugehen wie in Wielands Schmiede. Koks, Limestone und Roheisen kochen in offenen Öfen, gepresste Luft reinigt die Mischung in Atemstössen, welche gewaltige Funkengarben durch die Halle streuen. Dann neigt sich der Ofen, und der flüssige Stahl schiesst in einem wasserhellen Strahl in einen riesigen Kessel. Wir beobachten von einer Brüstung aus, wie die Männer neben uns, in Asbestmänteln, die Augen mit blauen Gläsern geschützt, nach vorn stürzen und Manganerz in die unheimlich kochende Mischung schaufelten. Ein Kran bewegte sich heran, hob den Kessel zu den wartenden Formen und füllte sie mit brodelndem Metall, das, in Blöcke gepresst, noch glühend in Bäder getaucht und dann in Schienen geschleudert wurde: Durch endlose Hallen schoss der rote Block, wurde von Backen erfasst, schmaler gepresst, schoss weiter, eine glühende Schlange, bis die Männer am Ende der Schiene sie auffingen und in Stahlbänder von handlicher Länge zerschnitten.“ Und in Athens entstehen symbolbeladenen Bilder auf dem Autofriedhof. Der amerikanische Autotraum, eng mit der Stahlkocherei verbunden, und dann die Agonie auf dem Schrottplatz, so bringt Annemarie Schwarzenbach die Zeit der Depression ins Bild.

Die Ausstellung ist der erste Teil des von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Stadt Dresden und in Kooperation mit Morphonic Lab 2019 geförderten Projektes VERTOVISm-WORLDWIDEWORKnoise.

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