Maria Magdalena Verburg: Heimatluft

HEIMATLUFT
Dresdner Treibhausgase und syrische Flüchtlinge

 

Zehn Tonnen CO2 pustet der Durchschnitts-Dresdner pro Jahr in die Luft. – Ähnlich viel wie andere deutsche Städter; nur halb soviel wie ein Bewohner Saudi-Arabiens, dafür das 6-Fache eines Syrers, das 25-Fache eines Sudanesen, und mehr als das 150-Fache eines Somaliers.

Die Luft hat sich dadurch weltweit erwärmt; in Dresden seit 1950 um annähernd ein Grad Celsius im Jahres-Durchschnitt. Und die Temperatur wird weiter steigen. – Abhängig davon, was wir essen, anziehen und sonst so kaufen, wie stark wir unsere Wohnungen heizen und wie oft wir ins Flugzeug oder Auto steigen.

Laut Majana Heidenreich, Klimaforscherin an der TU Dresden, verschuldet der Klimawandel in Sachsen bereits jetzt Wärmerekorde im Winter und sintflutartigen Regen wie auch Dürreperioden im Sommer. „Für Dresden wird der Temperatur-Anstieg sogar stärker ausfallen als im Umland“, prognostiziert Wolfgang Socher, Leiter des Dresdner Umweltamtes. „Im Stadtgebiet sind heiße Tage durch Flächenversiegelung und Verkehr noch deutlich heißer als außerhalb. Dazu kommt Dresdens Tallage: Die behindert den Luftaustausch und an windstillen Sommertagen entsteht dadurch eine drückende Hitze.“

Trotzdem könnte einem die globale Erwärmung als unbedarften Dresdner Bürger natürlich erstmal gleichgültig sein: Insgeheim freut man sich vielleicht sogar auf die lauen Sommernächte am Elbestrand und pfeift auf weiße Weihnachten. Zum Skifahren reist man dann halt nicht ins Erzgebirge, sondern in die Alpen. Sind die Elbwiesen im Sommer nicht mehr grün sondern braun, fühlt man sich eben wie im Spanien-Urlaub. Und sind sie doch mal überschwemmt, zahlt die Versicherung, fließen staatliche Hilfen und rückt das Technische Hilfswerk aus.

Doch das Technische Hilfswerk kommt nicht überall auf der Welt. Und Dürre kann in armen Ländern ein Kriegsgrund sein. – Renommierte Umweltwissenschaftler wie Peter Gleick verknüpfen den Syrien-Konflikt mit dem Klimawandel: Dieser habe anhaltende Missernten verursacht und damit zu Verteilungskämpfen und der Rebellion gegen die Regierung beigetragen.

Und spätestens, wenn die Flüchtlinge in unserem schönen Dresden stehen und nicht von Luft und Liebe leben können; wenn Pegida mit der Angst hausieren geht, die Neubürger wollten unsere Stadt in die Luft jagen; wenn die politische Mitte deswegen empört nach Luft schnappt; wenn die Flüchtlingsfrage für dicke Luft bei Diskussionen in Freundeskreis und Familie sorgt; spätestens dann, wenn die Luft am anderen Ende der Erde dazu beiträgt, das Gesellschafts-Klima bei uns zu vergiften, wird klar, dass auf der Welt doch alles zusammenhängt. Und dass Luft, anders als Staaten, keine Grenzen und keine Heimat kennt.

 

Mehr zur Dresdner Luft in „Stadtluft Dresden. Das Bookzin zum Durchatmen“ (4/2019)

http://www.stadtluft-dresden.de

 


“Heimatluft” ist ein bürgerjournalistischer Beitrag der Historikerin und Tango-Lehrerin, Weltreisenden und Dresdnerin Maria Magdalena Verburg. Je mehr sie von der Welt sah, desto neugieriger wurde sie auch auf ihre Heimat. Deswegen schreibt sie Reportagen über Dresden und Sachsen. Sie veröffentlichte unter anderem im Bookzin „Stadtluft Dresden“ sowie den „Sächsischen Heimatblättern“ und ist Teilnehmerin der Schreibwerkstatt „Heimat.Heute“. Sachsen im Dialog sah sie als großartige Möglichkeit, weiter an ihren Themen zu arbeiten


Die bürgerjournalistischen Beiträge sind Teil der Projekts Sachsen im Dialog.
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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