Natasha G. Allner: Drei Fragen Heimat

Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat ist für mich ein Ort, von dem ich weiß, dass ich geborgen bin. Heimat sind die Menschen, die ich liebe und denen ich alles sagen würde. Eine der wichtigsten Teile meiner Heimat ist meine Mama. Heimat kann aber auch einfach nur ein Rückzugsort sein. Der Ort, wo ich ich bin und mich jeder so nimmt, wie ich eben bin.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Meine Heimat könnte bedroht sein, wenn jemand kommt, der überhaupt nicht zu mir passt. Wenn die Energien nicht stimmen und mit dem ich trotzdem zusammen sein müsste – das würde meine Heimat verletzen. Weil ich dann möglicherweise nicht mehr ich bin…

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Da meine Familie zu meiner Heimat gehört, würde ich alles versuchen, um diese zu beschützen. Ich würde eine Mauer, größer und länger als die in China, darum herum bauen. Ich würde mich auch selber opfern.

Eloise, 12, Gymnasiastin, Oschatz

Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat ist da, wo meine Familie und Freunde sind. Kern ist natürlich der Wohnort. Da kennt man sich aus, da wird man erkannt. Die nähere Familie und Freunde konzentrieren sich in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Als gebürtiger Ossi – Bezirk Leipzig/Thüringen – ist mir die Mentalität in „Neufünfland“ vielleicht näher. Genau genommen kann ich darüber aber eigentlich nichts sagen, da ich nicht genügend Kontakte in die restlichen Teile Deutschlands habe.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Die Heimat wird meiner Meinung nach vor allem von Extremisten beziehungsweise Despoten bedroht. Also Leuten, die anderen Leuten ihre Meinung aufzwingen wollen – mit Politik oder Gewalt. Wobei sich die Gesellschaft natürlich ändert und anpasst und das auch soll und muss. Und dabei nimmt sie auch Einflüsse anderer Kulturen in sich auf. Stagnation und „das haben wir immer schon so gemacht“ sind falsch, genauso wie „früher war alles besser“. Ein Land mit einem Trump, Erdogan oder Höcke an der Spitze wäre nicht meine Heimat.

Eine weitere große Gefahr sind Egoismus und Gier. Keinem ist geholfen, wenn wenige alles haben und deren Gewinnsucht auf Kosten anderer befriedigt wird.

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Ich versuche, bei Freunden und Bekannten meinen Standpunkt zu vertreten, und meine Kinder entsprechend zu erziehen. Falls nötig, wird auch demonstriert, wie zum Beispiel vor einigen Jahren zum Erhalt der Naundorfer Grundschule in Hof.

Henning, 48, Immobilienverwalter, Naundorf

Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat ist für mich die Region, in der ich aufgewachsen bin. Hier leben viele meiner Freunde aus der Schulzeit, aber auch neue Freunde, die hier ihrerseits ihre Heimat gefunden haben. Hier kenne ich die Gegend. Hier kenne ich alte und junge Leute. Hier kennt man mich.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Meine Heimat könnte durch Katastrophen wie Krieg und Unwetter bedroht werden. Auch durch Intoleranz und Verfolgung.

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Ich engagiere mich gesellschaftlich vielfältig, um meine Heimat lebenswert zu erhalten und sie auch für andere heimatlich zu machen. Ich bin als Gemeinderätin in Naundorf, als Vorsitzende des Trägervereins der evangelischen Werkschule Naundorf, als Vorsitzende des Landesverbandes praktizierender Tierärzte Sachsen, im Vorstand der Landestierärztekammer Sachsen und im Heimatverein Naundorf aktiv. Durch dieses Engagement hoffe ich, meine Heimat vor schlechten Einflüssen zu schützen. Ich würde meine Heimat und die Demokratie mit allen politischen Mitteln verteidigen.

Ines, 48, Tierärztin, Naundorf

Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. In meiner Heimat fühle ich mich wohl. Sie hat mich geprägt durch Familie und Freunde.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Indem ich keine Zeit mehr habe, in meiner Heimat zu sein. Oder sich das Bild von Heimat – welches sich in mir eingeprägt hat – auf einmal verzerrt oder verloren geht. Das kann durch Veränderungen im Leben geschehen; zum Beispiel durch Wegzug von Zuhause oder den Verlust von Freunden.

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Schwer zu sagen… Auf jeden Fall sollte man sich immer wieder an Momente in der Heimat erinnern und sie regelmäßig besuchen.

Lijah, 17, Azubi 1. Lehrjahr Fachkraft für Veranstaltungstechnik, Leipzig

Was bedeutet Heimat für Dich?

Heimat ist da, wo ich mich entscheide, eine Bereicherung für diesen Ort zu sein – das heißt, mit allen „Ecken und Kanten“, mit allem, was mich ausmacht. Ein Lebensraum, wo man einfach sein kann, wie man ist und noch werden wird. Hier schreibt man Geschichten! Hier hinterlässt man am Ende der Lebenszeit Werte, von denen nachfolgende Generationen noch zehren. Hierher komme ich immer wieder zurück und bleibe; angewurzelt und gebe mein Leben hin – für meine Mitmenschen und für das, wodurch ich den Ort mitprägen kann. Hier bin ich kein Besucher und nicht nur ein „Nehmer“, sondern ich gebe auch gern – authentisch, ohne Maske.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Wenn ich und meine Mitmenschen nicht weiterhin die Freiheit haben, sich weiter zu entwickeln, weil das System zu eng denkt. Wenn uns nicht erlaubt ist, unsere Träume und positiven Ziele zur Verbesserung der Heimat umzusetzen. Vielfalt und Diversität ist das, was jede Heimat besonders macht. Klar, es wird immer Veränderung geben und das ist gesund und gewollt.

Döbeln ist keine Metropole und das ist gut so. Wenn in 20 bis 50 Jahren dieser Ort aber doch zu einer Großstadt mit 10- oder 20-facher Größe anwachsen würde – ist das immer noch Heimat für mich? Ja klar, denn ich wachse ja mit. Mein Herz wird sich auch für diese Anzahl von Menschen vergrößern – ich mache meine Heimat zur Heimat der Anderen. Bedrohung ist nur da, wenn man das Jetzige beibehalten möchte, weil man so begrenzt denkt. Leider. Wo es aber Bedrohung gibt, da gibt es auch den Ruf zum stärkeren Zusammenhalt, zum Zusammenrücken. Das ist wichtig und auch gut, oder nicht?

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Ich mache mein Herz ganz weit. Nicht im Sinne von „falscher Toleranz“, sondern als Bereitschaft, mein Gegenüber wahrzunehmen; um einzuschätzen, was die Beweggründe sind, weshalb derjenige so anders tickt. Ich würde auch respektvoll darauf hinweisen – falls derjenige sich nicht als Bereicherung in dieser Heimat engagieren wollte –, dass es hier der falsche Ort für ihn und seine Heimat mit Sicherheit doch woanders ist. Diskurs sehe ich als Schutz für diese Heimat und Zeit für einander nehmen. Hinhören, mit dem Herzen fühlen und verstehen. Ich bin ein Indonesier, der nach Döbeln kam, um aus diesem Ort – mit allem was mir auch nicht passte – eine Heimat zu machen. Ich bin hier auch verändert. Dennoch bringe ich eine andere „Farbe“ an diesen Ort, weil ich einfach anders bin. Genauso ist es in Dresden-Neustadt, mit der Gründung meiner Kult-Kaffeebar, die nur zweimal in der Woche öffnet. Da lebe ich zwar nicht, aber ich nehme mir die Zeit zum Gespräch mit meinen Kunden und ja, ich bin mittlerweile mit vielen per Du und nenne sie beim Vornamen. Während dieser Unterhaltungen gebe ich jedes Mal ein Stück von mir und gestalte so bewusst diesen Stadtteil mit.

Nicolas, 38, Barista/Geschäftsführer, KAFFEEkostBAR, Döbeln/Dresden

Was bedeutet Heimat für Dich?

Meine äußere Heimat ist ein vertrauter Ort, Mensch oder Zustand, an den ich immer wieder zurückkomme. Das kann der Hof sein, auf dem ich aufgewachsen bin, oder das Tantra-Institut, ein sehr geliebter Mensch und Gefühle, in denen ich ankomme und sie erkenne.

Und meine innere Heimat ist mein Herz. Es gibt Impulse, lässt mich spüren und ist der Wegweiser. Heimat ist dort, wo meine Seele im völligen Wohlbefinden ist. Etwas, wonach ich immer wieder strebe.

Wodurch könnte Deine Heimat bedroht sein?

Jede Veränderung hat Potential dazu. Überall, wo die Heimat nicht in mir den Ursprung hat, muss ich darauf gefasst sein. Dann habe ich nochmal eine bewusste Wahl und einen neuen Impuls für meinen Lebensstil. Mein Herz erlebt auch Erschütterungen. Je weniger es verpanzert ist, desto leichter gelingt das Aufstehen, das Vertrauen wiederzufinden.

Was würdest Du tun, um Deine Heimat zu schützen?

Ist es nicht fehlendes Vertrauen, was mich fühlen lässt, etwas zu schützen? Ich kann mein Herz öffnen und mich erklären, authentisch sein. Und ich kann akzeptieren und Neues begrüßen.

Theresa, 22, Tantrikerin, Pulsitz/Basel


Drei Fragen Heimat ist ein Beitrag der Bürgerjournalistin Natasha G. Allner.
Natasha meint, dass ein „sächsischer Dialog“ und ein neues Miteinander nötig sind, um sich vorurteils- und angstfrei auf Augenhöhebegegnen zu können. Missstände sollten nicht nur aufgezeigt werden. Viel nötiger ist es, gemeinsam Lösungen zu finden. Natasha ist davon überzeugt, dass die klassische Denke „Richtig oder Falsch“ ausgedient hat. Die solltedurch ein modernes „Sowohl als auch“ ersetzt werden. Die erfahrene Mitarbeiterin einer Marketing-agentur in Oschatz fühlte sich von dem Bestreben von Sachsen im Dialog angesprochen, eine lebendige, streitbare und wert schätzende Gesprächskultur (re-)aktivieren zu wollen.


Die bürgerjournalistischen Beiträge sind Teil der Projekts Sachsen im Dialog.
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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