Sabine Ernst: Zukunftsschutzgebiet

Der Leipziger Osten wirkt wie ein vergessener Teil der hippen Stadt, die zu den 50 coolsten Städten der Welt zählt. Nicht nur der Anteil der Migranten ist hier besonders hoch, auch die Zahl der Langzeit-arbeitslosen liegt über dem Leipziger Durchschnitt. Hinzu kommt, dass die Eisenbahnstraße einen überregional schlechten Ruf als Kriminalitätsschwerpunkt genießt.[…] Trotz des schlechten Rufes verändert sich der Leipziger Osten. Kunst und Kultur siedeln sich an, Studenten werden magisch angezogen und werten den Stadtteil auf. Geht man mit offenen Augen durch den Leipziger Osten, diesen verrufenen Teil der Stadt, so stolpert man über Absperrbänder. Nein, kein Polizeieinsatz, wie man sofort in der Nähe der Eisenbahnstraße vermuten würde. Diese Bänder sprechen von Zukunft. Zukunft an einen Ort, den man jahrelang stiefmütterlich behandelt hat.

Diese Bänder zeigen nicht nur das Engagement der Vereine und Initiativen, die sich in den letzten Jahren im Leipziger Osten an-gesiedelt haben, sondern sprechen auch tatsächlich von dem Ringen um Zukunft, die mit Bildung beginnt und Chancen fürs Leben gibt. Symbolisch dafür steht die „Hermann-Liebmann-Schule“, eine Ruine in der Ihmelsstraße. Der Leipziger Osten war bisher in den Schulbedarfsplanungen nicht mit einem Gymnasium bedacht worden, was die ehe-malige Stadträtin Ingrid Glöckler immer kritisierte. Die Stadt sah den Bedarf nicht, da die Jahre gezeigt haben, dass die Kinder des Leipziger Ostens „nur sehr selten eine Gymnasialempfehlung bekommen“. […]

Auf einer Anhöhe inmitten der rauen Landschaft des Leipziger Ostens liegt das Anwesen „Hermann Liebmann Schule“, dem Wind schutzlos ausgesetzt, der hier strenger als anderswo weht. (Frei nach Emily Brontës „Sturmhöhe“.) 1907 erfolgte die Grundsteinlegung dieses ehrwürdigen Gebäudes, das ab 1913 die 10. Bürgerschule war. Um 1940, mitten im Nationalsozialismus, wurde das Gebäude als 18. Volksschule genutzt, später als 18. POS weitergeführt. Ab 1992 wurde der stolze Bau als 18. Grundschule der Stadt Leipzig genutzt, bis sich 1999 die Tore schlossen. Vier Gesellschaftssysteme waren in dieser Schule Realität. Geht man durch die Gemäuer des verlassenen Gebäudes in der Ihmelsstraße, fragt man sich, was diese Mauern erzählen würden, vom Kaiserreich, von den Nazis, von der DDR.

Sprechen lassen kann man die Mauern durch Menschen des Leipziger Ostens, die in vergangener Zeit in der Schule waren. Erika Friedrichs traf sich mit mir, um ihre Erinnerun-gen an die Schulzeit in der DDR zu schildern. Sie ist kommunalpolitisch aktiv, hat auch Unterschriften für die Gemeinschaftsschule gesammelt, die in Sachsen eingeführt werden soll, parallel neben dem bekannten Schulsystem, das die Schüler nach der vierten Klasse trennt. Es ist ein System, mit dem sich der Soziologe Andreas Kemper vom Institut für Klassismusforschung beschäftigt hat. Andreas Kemper hat in einem Interview mit „Jung und Naiv“ intensiv über seine Forschung der Benachteiligung von Arbeiterkindern erzählt. Eindrucksvoll und nachvollziehbar schildert Kemper, dass das dreigliedrige Schulsystem besonders von akademischen Eltern geschätzt und gewollt wurde. Für sie besonders habe das dreigliedrige Schul-system einen Sinn: die Elite schottet sich auf dem Gymnasium ab. Dieses Denken, so Kemper, ziehe sich bis heute durch das Schulsystem. Er verweist dabei auf Studien. Bei Gymnasialempfehlungen zählt bis heute sehr oft nicht die Intelligenz, sondern die soziale Herkunft. Schaut man auf den Leipziger Osten, so zeigen tatsächlich verschiedenste Bildungsstatistiken, dass Kinder aus diesem Viertel nur sehr selten eine Gymnasialempfehlung bekommen. Da dies so ist, sah man auch jahrelang nicht die Notwendigkeit für den Bau eines Gymnasiums. Die Schwelle zur höheren Bildung erhöhte sich nochmals.

Erika Friedrichs kennt die Probleme des Leipziger Ostens aus verschiedenen Perspektiven, energisch setzt sie sich für Flüchtlinge und für die Gemeinschaftsschule ein. Ihre resolute, zupackende Art ist vermutlich auch ein wenig Trotz, den sie aus ihrer Zeit in der DDR mit in ihre Zeit in der BRD nahm, denn so erzählt sie mir: „Ich war nur Tapeten kaufen, als die Montagsdemos waren. Da hat mich die Stasi einkassiert, weil sie dachten, ich gehöre dazu. Nach dieser Erfahrung bin ich dann auch mitgelaufen.“ Erika erzählt 50 Minuten von ihrer Schulzeit und der Schulzeit ihrer Kinder in der DDR. Während sie erzählt, merkt man, dass sie nicht unbedingt negative Erinnerungen an ihre Schulzeit in der DDR hat. Sie ist eine Frau, die viel zu erzählen hat und das auch gerne tut. Das Wichtigste aus dem Gespräch mit ihr werde ich in Zitaten nachfolgend wiedergeben: „60 Prozent Arbeiterkinder wurden zum Abitur zugelassen und 40 Prozent Kinder von Angestellten und Akademikern. Das war die Quote.“ „Wir waren alle gleich. Individualismus gab es nicht. Als Kind habe ich das nicht als schlimm empfunden.“„Aber dann verschwand meine Schulfreun-din. Plötzlich über Nacht. Ich war viele Jahre sauer auf sie, dass sie sich nicht verabschiedet hatte. In der Schule wurde gesagt, sie wären wegen Arbeit weg. Jahre später erfuhr ich, dass sie über Nacht von der Regierung umgesiedelt wurden. Sie waren zu kritisch. Über Nacht mussten sie weg.“

„Mein Sohn war im Intershop, auf DDR-Seite. Er suchte sich dort ein Udo Lindenberg-T-Shirt aus, er mochte ihn. Es war nichts dabei, er hatte es ja in der DDR gekauft. Er zog es in der Schule an und ich wurde umgehend zur Direktorin bestellt. Mein Sohn saß bei ihr, wusste nicht, was er sagen sollte. Sie sagte mir, dass er das T-Shirt ausziehen müsse. Er könne es nicht in der Schule tragen. Ich war außer mir. Deswegen musste ich von der Arbeit weg? Ich sagte ihr, dass ich mich über sie beschweren würde. Denn mein Sohn hatte nichts falsch gemacht, was er in der DDR kauft, kann er auch in der DDR tragen. Meine Beschwerde war erfolgreich. […]” Ich hakte bei Erika Friedrichs nach, ob sie keine Repressalien für ihre Kinder fürchtete, wenn sie sich über die Lehrerin beschwerte. Sie überlegte kurz und antwortete dann glaubhaft: „Es ging mir darum, dass meine Kinder merken, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. Es war doch Blödsinn. Wenn man in der DDR ein T-Shirt kauft und es dann nicht tragen darf. Dann sollen sie es erst gar nicht verkaufen!“[…]Verhüllt, fast wie ein Erlkönig, erscheint die Schule in der Ihmelsstraße. Zukunftschutzgebiet. Der Leipziger Osten wurde 2012 Schwerpunkt bei der Stadtentwicklung. Der Campus Ihmelsstraße wird in dieser Stadtentwicklung eine große Rolle spielen. Eine Quartiersschule. Kein abgetrennter Bereich, auf dem sich nur lärmende Kinder aufhalten. Sportkurse für Anwohner_innen, eine Außenstelle der Stadtbibliothek, ein Standort der VHS. Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten unter einem Dach. Zudem zieht das Quartiersmanagement Leipzig Ost mit in das Gebäude. Alles an einem Ort. Alles Hand-in-Hand. Stolz auf allen Seiten. Aufwertung des Stadtteils, Aufhebung von Bildungsbarrieren. Das Quartiersmanagement beschreibt es so: „Die Schulplanungen der Stadt sind skeptisch zu sehen. Der Leipziger Osten gilt als Ort mit geringer Bildung, da hielt man ein Gymnasium nicht für notwendig. Das lag einfach daran, dass viele Eltern den Antrag stellten, ihre Kinder nicht im Leipziger Osten zu beschulen. Viele Kinder gingen auf Schulen in anderen Stadtteilen. Daher die wenigen Gymnasialempfehlungen. Aber wenn es kein Gymnasium gibt, schaffe ich für Kinder auch keine Anreize. Die gehen dann auch nicht, weil auch ihre Freunde nicht gehen und weil man es ihnen auch nicht zutraut.“ Jetzt also der Campus Ihmelsstraße. Nicht nur das Konzept ist das Besondere. Schon das Wort G y m n a s i u m wertet den Leipzi-ger Osten auf.


Zukunftsschutzgebiet ist ein bürgerjournalistischer Beitrag von Sabine Ernst.
Dem Verborgenen eine Sprache geben und Menschen benennen, die sonst unsichtbar bleiben würden – das treibt Sabine an und führte zu dem Wunsch, Bürgerjournalistin von Sachsen im Dialog werden zu wollen. Schon während ihres Studiums für Theaterwis-senschaft, Journalistik und Anglistik suchte sie Wahrheit und kreative Ausdrucksmöglichkeiten. Das brachte sie zur Fotografie. Besonders reizt es Sabine, Sprachbarrieren durch Bilder zu überwinden.


Die bürgerjournalistischen Beiträge sind Teil der Projekts Sachsen im Dialog.
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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