Sophia Seifert: Drei Zeiten Görlitz

„Ah, Görlitz – da wo sie rechts wählen!“ Diesen Satz bekomme ich so oder so ähnlich seit ein paar Jahren von Kommilitonen immer wieder zu hören, wenn ich erzähle, wo ich herkomme. Spätestens seit der Oberbürgermeisterwahl im letzten Jahr bestimmt dieser Eindruck von Görlitz die Medien, den öffentlichen Diskurs, Gespräche mit Familie und Freunden.

Es ist aber nur ein Eindruck.
Als Ethnologie-Studentin habe ich gelernt, alles und jeden – auch mich selbst – zu hinterfragen. Es gibt keine absoluten Wahrheiten, jede Darstellung hat ihre Berechtigung. Eine der Hauptaufgaben der Ethnologie ist es, die Komplexität von Menschen oder einer Kultur zu erkennen und zu beschreiben.

Ich wollte wissen, wie die Görlitzer selbst ihre Stadt sehen und habe deswegen mit drei Menschen drei verschiedener Generationen gesprochen, die jeweils vor 3, vor 29 und vor 62 Jahren in die Stadt gezogen sind. Eine Studentin, ein Hochschullehrer und eine Rentnerin berichten hier über vergangene und aktuelle Zukunftsvorstellungen – über Sorgen, Zufriedenheit und Hoffnungen in Görlitz.


Tanzveranstaltung im Hotel Stadt Dresden auf der Berliner Straße, um 1950

Alter: 82                     Geschlecht: Weiblich             Beschäftigung: Rentnerin

Seit wann wohnst Du in Görlitz?

Seit 1958.

Wie kam es, dass Du nach Görlitz gezogen bist?

Ich hatte das Glück, dass ich in das möblierte Zimmer einer Kollegin ziehen konnte, die nach Dresden gegangen war. Davor habe ich mit meinen Eltern und meinen Schwestern in Kunnersdorf, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt gewohnt. Ich musste also jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Bus zur Arbeit nach Görlitz fahren, wo ich in der Jahnschule als Sekretärin gearbeitet habe. Ich erinnere mich noch daran, dass der Bus einmal im Winter eine Böschung runtergestürzt ist und dass ich mit ein paar anderen den Verkehr regeln musste. Danach wollte ich eine Zeit lang am liebsten gar nicht mehr Bus fahren!

Wohnst Du gern in Görlitz?

Ich wohne seitdem in Görlitz; habe 1959 meinen zukünftigen Mann kennengelernt und danach mit zwei Kindern eine Familie gegründet. Ich habe es nie bereut, nach Görlitz gezogen zu sein. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Welche allerersten Eindrücke von Görlitz und von den Görlitzern sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich bin von den Görlitzern gut aufgenommen worden, erhielt jegliche Unterstützung, wenn es notwendig war und hatte zu allen Kolleginnen und Kollegen einen guten Kontakt bis zum Ende meines Arbeitsverhältnisses 1992.

Was hat dir als du hergezogen bist oder auch kurz danach an der Stadt am meisten gefallen?

Am meisten gefallen hat mir, dass ich, nachdem ich nach Görlitz gezogen bin, mehr Freizeit hatte. Die Fahrtzeit von und nach Kunnersdorf ist ja weggefallen. In Görlitz gab es auch bessere Einkaufsmöglichkeiten und mehr Gelegenheiten, an kulturellen Veranstaltungen, Vergnügen und Feiern teilzunehmen. Ich bin sehr oft in den verschiedenen Gaststätten oder Kulturhäusern der Stadt, wie im Görlitzer Hof, im Stadt Dresden oder im Kulturhaus Karl Marx, tanzen gewesen. Dort gab es große Säle, die teilweise schon seit den 20er Jahren existierten. Im Kulturhaus Karl Marx bei der Frauenkirche, wo heute das CityCenter steht, bin ich immer zum Fasching gewesen; im Stadt Dresden habe ich meinen Mann kennengelernt.

Vor welchen Herausforderungen oder Problemen stand die Stadt, als du hergezogen bist und wie sind die Görlitzer damit umgegangen?

Die Wohnungsnot war groß. Viele Menschen wollten nach Görlitz ziehen; zu der Zeit hatte die Stadt ca. 90.000 Einwohner. Wenn man, wie ich, aus dem Landkreis nach Görlitz ziehen wollte, bekam man auch keinen Zuzug, sondern nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Erst durch die Heirat mit einem Görlitzer war das für mich dann automatisch geregelt. Nach und nach wurden neue Häuser bzw. auch ganze Wohnviertel gebaut – wie zum Beispiel Weinhübel in den 60er Jahren oder Königshufen in den 80er Jahren. Wir mussten lange nach einer gemeinsamen Wohnung suchen bzw. auf eine Wohnung warten und bekamen dann über die Dienststelle meines Mannes eine in Weinhübel vermittelt. Eigentlich wollten wir in eine Wohnung in der Innenstadt ziehen, aber da unsere Tochter noch nicht geboren und ich noch schwanger war, bekamen wir die Wohnung nicht. 

Wie hast du dir zur Wendezeit die Zukunft der Stadt vorgestellt? Was, dachtest du, wird sich ändern? Hattest du Bedenken?

Leider hat sich bei mir in der Wendezeit Vieles verändert. Ich dachte nicht, dass meine Dienststelle aufgelöst wird. Zum Glück wurde ich aber vom Rat der Stadt, Abteilung Volksbildung, weiterbeschäftigt. Die Abteilung für Weiterbildung für Lehrer, Erzieher und Kindergärtnerinnen, in der ich vorher gearbeitet hatte, gab es von da an nicht mehr. Viele hatten Angst, dass sie ihre Arbeit wegen der vielen Betriebsauflösungen verlieren würden. Das Kondensatorenwerk, das Nähmaschinenteilewerk, das Bekleidungswerk und einige andere wurden aufgelöst.

Ich dachte auch, dass sich die Lebensgewohnheiten mit der Wende ändern würden – dass es z.B. die sogenannte „Bückware“ regulär und in größerer Auswahl geben würde. Als „Bückware“ bezeichnete man in der DDR Waren, die unter dem Ladentisch oder in einem Hinterzimmer gelagert wurden und die man nur durch persönliche Beziehungen zu den Verkäufern bekam. Wenn man beispielsweise Südfrüchte wie Apfelsinen oder Bananen oder auch Kaffee haben wollte, musste man sich mit jemandem von der HO (Handelsorganisation) gutstellen. Viele Dinge, wie z.B. Baumaterial oder Autoersatzteile, bekam man nur durch Tauschhandel mit Bekannten. Und vor vielen Geschäften musste man auch erst lange anstehen, bevor man an der Reihe war. Durch die Pakete, die andere bekamen, oder die leeren Joghurtbecher, die meine Tochter aus Schottland mitgebracht hatte, wussten wir schon, dass es drüben mehr gab als in der DDR.

Was hat sich deiner Meinung nach seit der Wende in Görlitz am meisten verändert?

Am meisten verändert hat sich das Stadtbild. Viele Kultur- und Unterhaltungsstätten wurden abgerissen. Kleinere „Tante-Emma-Läden“ gibt es nicht mehr, stattdessen jetzt Supermärkte. Früher gab es speziellere Geschäfte, allerdings auch mit einer kleineren Auswahl als heute. Seitdem ich hergezogen bin, hat sich die Stadt ständig verändert. Heute gibt es im Vergleich zu damals wieder viele leerstehende und auch einsturzgefährdete Häuser, wie z.B. auf der Berliner Straße. Vor der Wende waren dort Läden an Läden – es gab keinen Leerstand. Trotzdem hat sich baulich viel getan. Vor der Wende war die Altstadt sehr grau und heruntergekommen; es gab keine bunten Fassaden. Das hat damals aber auch nicht wirklich gestört, weil man es ja nicht anders kannte. Seitdem wurden aber viele Häuser saniert – heute ist Görlitz eine sehr schöne Stadt!

Was wären drei Dinge, die es in Görlitz mal gab, die dir fehlen und die es wieder geben sollte?

Die Stadthalle, das Kaufhaus am Demianiplatz und eine Straßenbahn zum Krankenhaus.

Vor welchen Herausforderungen oder Problemen steht Görlitz heute und wie sollten die Görlitzer deiner Meinung nach damit umgehen?

Görlitz muss mehr für die Bildung tun, für mehr Lehrer sorgen, damit der Unterrichtsausfall geringer wird. Görlitz sollte auch strenger gegen Drogendelikte, Gewaltverbrechen, Einbrüche und Diebstähle vorgehen – eventuell durch mehr Polizei, damit die Einwohner wieder ruhiger leben können. Görlitz sollte auch weiter einsturzgefährdete Häuser sanieren und so das Stadtbild weiter verbessern. Für die gesundheitliche Betreuung sollten mehr Haus- und Fachärzte gefunden werden, sodass sich auch die Wartezeiten auf einen Termin verkürzen.

Wie stellst du dir jetzt die Zukunft der Stadt vor? Was wird sich verändern?

Durch den Tourismus kann Görlitz weiter gestärkt werden – so entstehen Arbeitsplätze in Hotels und Gaststätten. Die großen Betriebe, wie Bombardier und Siemens, müssen erhalten bleiben. Es sollte mehr Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen geben! Dadurch, dass viele wegziehen, sind die meisten Familien heute weit verstreut und leben nicht mehr in einer Stadt.

Wenn du morgen mit einem oder mehreren Menschen sprechen könntest, der oder die die Entwicklung der Stadt entscheidend beeinflussen können, mit wem würdest du worüber sprechen und warum?

Ich würde mit dem Oberbürgermeister und den Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe sprechen wollen, damit neue Straßenbahnen und Busse möglichst bald angeschafft werden, die ein besseres Ein- und Aussteigen für behinderte Menschen ermöglichen. Auch die Probleme Drogen, Gewalt und Diebstahl würde ich ansprechen.

Was sollte sich Görlitz auf jeden Fall bewahren?

Optimismus!


Das Einkaufszentrum CityCenter – früher stand hier das Kulturhaus Karl Marx

Alter: 57                     Geschlecht: Männlich            Beschäftigung: Lehrtätigkeit im Hochschuldienst

Seit wann wohnst Du in Görlitz?

Seit September 1991.

Wie kam es, dass Du nach Görlitz gezogen bist?

Ich hatte kurz vor der Wende angefangen, in Berlin zu arbeiten. Als die Mauer fiel, war ich gerade beruflich in Indien und hatte mit dem Gedanken gespielt, mit meiner Frau und meinem Sohn für eine Weile dort zu hinzuziehen. Aber dann kam alles ganz anders. Mit dem Ende der DDR wurde meine Arbeitsstelle aufgelöst und ich musste mich neu orientieren. Wir wollten auch aus Berlin wegziehen, das sich nach der Wende zu einem Großstadt-Moloch entwickelte. Eine Möglichkeit wäre gewesen in meine Heimat, das Vogtland, zurückzuziehen. In Görlitz, wo meine Frau herstammte, bot sich aber eine Stelle für mich an. Und durch die Schwiegereltern gab es auch eine Kinderbetreuung für unseren Sohn. Trotzdem war das ein Sprung ins kalte Wasser, da Görlitz nach der Wende auch eine hohe Arbeitslosenquote hatte.

Wohnst Du gern in Görlitz? Warum/Warum nicht?

Teils ja, teils nein. Positiv ist, dass Görlitz weder Großstadt noch Provinz ist. Es gibt alles, was man zum Leben braucht. Die Wege zu Arbeit und Sportvereinen sind kurz. Negativ ist, dass sich rechtskonservative Ansichten in Görlitz offensichtlich konzentrieren – Ausländerfeindlichkeit zum Beispiel bekomme ich hier immer öfter mit. Die Stadt scheint zu einem Ziel rechtskonservativer Initiativen zu werden – wir hätten ja auch beinahe den 1. AfD-Bürgermeister Deutschlands bekommen. Weiterhin hat man aufgrund der Grenzlage von Görlitz auch oft das Gefühl, hier wäre Schluss, obwohl Polen ja zur EU gehört!

Welche allerersten Eindrücke von Görlitz und von den Görlitzern sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Die relativ hochdeutsche Sprechweise der Görlitzer im Vergleich zu den Vogtländern ist mir direkt aufgefallen. Obwohl sie auch ihre Eigenheiten haben…  „Das Tunnel“ wird gern gesagt oder das typische „Geh ocke!“ oder „Mach ocke!“ Ich habe auch nie verstanden, aus welchem Grund das vogtländische Wernesgrüner hier vorne betont wird?! Ich erinnere mich aber auch daran, dass die Menschen bei meiner ersten Arbeitsstelle in Görlitz alle sehr freundlich und hilfsbereit waren und auch meine heutigen Sportsfreunde haben mich sofort in ihren Kreis aufgenommen.

Was hat dir als du hergezogen bist oder auch kurz danach an der Stadt am meisten gefallen?

Auf jeden Fall das grüne Umfeld – die Landeskrone und die Dörfer Jauernick-Buschbach und Königshain in der Umgebung. Im Gegensatz zu Berlin gibt es hier ein riesiges Potenzial an Fahrradstrecken. Das hatte mir in der Großstadt sehr gefehlt – im Vogtland ist es ähnlich grün.

Vor welchen Herausforderungen oder Problemen stand die Stadt kurz nach der Wende und wie sind die Görlitzer damit umgegangen?

Als ich hergezogen bin, sah alles noch sehr grau aus. Gut erinnern kann ich mich noch an die Lunitz, eine Straße in der Altstadt, wo die Mutter meiner Schwiegermutter wohnte. Alles grau in grau und trostlos und in ihrem Haus hat es nach Schimmel gerochen. Seitdem hat sich einiges getan, die meisten Gebäude in der Altstadt wurden restauriert und saniert. Die Wohnungssituation hat sich auch dramatisch verändert! 1991 musste ich noch am Wohnungsamt anstehen. Und wir haben dann auch nur durch einen Wohnungstausch mit einem Paar, das nach Berlin wollte, eine Wohnung in der Innenstadt bekommen. Mit Gasheizung – das war nicht selbstverständlich damals!

Wie hast du dir zur Wendezeit die Zukunft der Stadt vorgestellt? Was, dachtest du, wird sich ändern? Hattest du Bedenken? Warum/Warum nicht?

Das kann ich nicht so genau beantworten, weil ich Görlitz vor der Wende nicht kannte. Die Wende an sich ist aber für alle, die ich kannte, ein sehr großer Umbruch gewesen. Man musste sich beruflich umorientieren, viele mussten ihren Wohnort wechseln. Ich habe einen zweiten Berufsabschluss als Lehrer gemacht, weil ich dachte, der Beruf wäre vielleicht sicherer. Ich muss aber zugeben, ich hatte auch Angst. Ich war nicht sicher, wie es weitergehen würde.

Was hat sich deiner Meinung nach seit der Wende in Görlitz am meisten verändert?

Die Altstadt hat sich seit der Wende sehr verändert und ist jetzt definitiv einen Besuch wert! Außerdem haben sich Siemens und Bombardier seitdem zu den Hauptarbeitgebern der Görlitzer entwickelt. Bei letzterem habe ich von 1998 bis 2016 als Übersetzer gearbeitet. Das war definitiv die Chance meines Lebens, ich habe viel gelernt und auch gut verdient. Bombardier hatte sich nach der Wende von einem staatlich geführten Betrieb zu einem gut funktionierenden Unternehmen für Schienenfahrzeuge entwickelt. Aber die Globalisierung, Einsparungsmaßnahmen, Konkurrenzdenken, Inkompetenz und vielleicht auch der Größenwahn einiger haben es ins Chaos getrieben. Seit 2016 werden Stellen abgebaut, Abteilungen ausgelagert. Bei Siemens ist das ähnlich. Hier zeigen sich die Probleme des gesamten globalen Umbruchs – ein System kann nicht bis ins Unendliche wachsen!

Was wären drei Dinge, die es in Görlitz mal gab, die dir fehlen und die es wieder geben sollte?

Besserer Nahverkehr, ein funktionierendes Bombardier-Unternehmen wie nach dem großen Doppelstockauftrag der Deutschen Bahn von 2003 und eine attraktive, grundlegend restaurierte Sternwarte (vielleicht in Verbindung mit einem Astronomie-Begegnungszentrum in einer nahegelegenen leerstehenden Villa).

Vor welchen Herausforderungen oder Problemen steht Görlitz heute und wie sollten die Görlitzer deiner Meinung nach damit umgehen?

Junge Leute sollten in Görlitz eine faire Chance auf gute Jobs haben. Bombardier hatte jungen Ingenieuren, die im Laufe der Zeit nach Görlitz gekommen waren, ein Kompetenzzentrum für Doppelstockzüge versprochen. Das wurde aber nie in die Tat umgesetzt. In Görlitz wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Doppelstockzüge Deutschlands gebaut und bis zur Wende gab es in den alten Bundesländern auch keinen anderen Betrieb, der sie herstellte. Da kommt nichts ran an den Görlitzer Doppelstock! Das Land Sachsen sollte alles dafür tun, dass Bombardier ein attraktiver Arbeitgeber bleibt. Außerdem büßt der Europamarathon, der jedes Jahr im Sommer in Görlitz stattfindet, im Moment leider an Attraktivität ein, da Straßennutzungsgebühren zu hoch sind und ein großer Teil der Strecke durch Wohngebiete in Zgorzelec verläuft. Gerade im östlichen Bereich unserer geteilten Stadt müssten noch viele Straßen und Häuser saniert werden, obwohl sich da auch schon Einiges getan hat.

Wie stellst du dir jetzt die Zukunft der Stadt vor? Was wird sich verändern?

Ich hoffe, dass es anders kommt, aber bisher sind Besserungen nicht abzusehen. Die Bevölkerung wird immer älter und die gesundheitliche Betreuung immer schlechter. Das rechtskonservative Gedankengut nimmt zu, die Arbeitsmarktlage verschlechtert sich und auch die Kriminalität nimmt zu.

Wenn du morgen mit einem oder mehreren Menschen sprechen könntest, der oder die die Entwicklung der Stadt entscheidend beeinflussen können, mit wem würdest du worüber sprechen und warum?

Michael Kretschmer hat mir in einem persönlichen Gespräch mal gesagt, dass er die Schulfächer Religion und Astronomie nicht gegeneinander aufrechnen würde. Da würde ich ihm widersprechen. Es handelt sich bei beiden um Bereiche der Allgemeinbildung und trotzdem ist Astronomie an unseren Schulen im Vergleich zu Religion oder Ethik kein Pflichtfach mehr. Gerade in Bezug auf den Klimawandel sollte man sich vor Augen führen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir hier auf der Erde leben können. Es müssen so viele verschiedene Faktoren zusammenspielen, sodass auf einem Planeten Leben entstehen kann. Und unsere Nachbarplaneten Venus und Mars führen uns vor Augen, welches Schicksal der Erde im Extremfall widerfahren könnte, wenn das Klima in die eine oder andere Richtung kippt. Dieses Wissen sollte schon in der Schule vermittelt werden. Ich würde auch mit einem Verantwortlichen bei Bombardier reden. Denn wenn man über Klimawandel spricht, muss man auch über Schienenfahrzeuge sprechen – bei der Anzahl der beförderten Personen im Verhältnis zum CO2-Austoß sind sie Spitzenreiter. Und wenn man in Görlitz ein Zentrum für Doppelstockzüge aufbauen würde, bekämen mehr Menschen Arbeit. Weniger junge Leute würden wegziehen, die Bevölkerung würde nicht überaltern. Wenn es nur so einfach wäre!

Was sollte sich Görlitz auf jeden Fall bewahren?

Diesen guten Kompromiss zwischen Provinz und Großstadt, die Altstadt mit all ihren Reizen, das Altstadtfest und vor allem auch den Europamarathon.


Schlange vorder Fleischerei Berndt auf der Emmerichstraße, 1989

Alter: 27                     Geschlecht: weiblich              Beschäftigung: Studierende und Kulturschaffende

Seit wann wohnst Du schon in Görlitz?

Seit Anfang 2017.

Wie kam es, dass Du nach Görlitz gezogen bist?

Ich bin für den Masterstudiengang Kultur und Management, der an der Hochschule Zittau/Görlitz angeboten wird, nach Görlitz gezogen. Dieser Studiengang ist deutschlandweit fast einmalig. Es gibt zwar ähnliche Master in anderen Städten, aber die sind oft gebührenpflichtig oder nur berufsbegleitend. Ich hatte außerdem von einigen Freunden und Bekannten Positives über Görlitz gehört und wollte auch mal erleben, wie es ist, in einer kleineren Studierendenstadt zu wohnen. Bevor ich hergezogen bin, habe ich in Berlin gelebt.

Wohnst Du gern in Görlitz?

Ich wohne sehr gern in Görlitz. Ich mag die kurzen Wege – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Die Wege zu Arbeit und Hochschule sind kurz und wenn ich durch die Stadt laufe, treffe ich immer bekannte Menschen. Oft werde ich dann auf diese Weise daran erinnert, mit wem ich noch über welches Projekt sprechen wollte – sehr praktisch! Ich bin hier schnell mit verschiedenen Leuten in Kontakt gekommen und habe Möglichkeiten gefunden, mich in Vereinen und Initiativen zu engagieren. Görlitz ist auch eine sehr studierendenfreundliche Stadt. Studien- und Wohnkosten sind gering; man kann feiern gehen im Studierendenclub Maus oder im Basta; es gibt immer irgendwas zu unternehmen.

Vor welchen Herausforderungen oder Problemen steht Görlitz heute und wie sollten die Görlitzer Deiner Meinung nach damit umgehen?

Görlitz und die Lausitz stehen wie viele andere Regionen im Moment vor den Herausforderungen des Struktur- und des Klimawandels. Kohleabbaugebiete, von denen die Region lange Zeit abhängig war, werden geschlossen und es müssen Alternativen aufgezeigt werden. Das bringt meines Erachtens große Chancen mit sich – wir brauchen innovative und zukunftsträchtige Ideen. Im Moment gibt es ja zum Beispiel den Wettbewerb Mitmach-Fonds Sachsen der Landesregierung, bei dem man Projektideen zur Gestaltung der Zukunft der Region einreichen kann. Es wird also versucht, gute Ideen zu sammeln – das ist sehr positiv!

Ich sehe im Strukturwandel allerdings auch die Herausforderung, Neues mit schon Bestehendem zu verbinden. Bundesweit wird oft (leider teilweise auch zurecht) ein eher negatives Bild von der Region gezeigt. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass es in Görlitz und der Region schon viele Vereine und Initiativen und vor allem sehr engagierte Menschen gibt. Ich bin zum Beispiel auch Mitglied im Verein Second Attempt, der die Rabryka in Görlitz betreibt. Die Rabryka bezeichnet sich selbst als Jugendstadtlabor, eine Plattform, die mehrere Projekte und Menschen vernetzt, die sich mit gemeinschaftsorientierter Stadtentwicklung auseinandersetzen wollen. In der Rabryka werden Projekte zur kulturellen Bildung, Festivals und andere Veranstaltungen organisiert; in der alten Hefefabrik der Stadt bietet sie Raum für die unterschiedlichsten Projekte: ein Tonstudio, ein Nachbarschaftsladen, ein Gemeinschaftsgarten und vieles andere.

Es scheint mir auch sehr wichtig, dass die Stadt die Bürger*innen konstruktiv in Entscheidungen einbindet und einen Dialog fördert, auch wenn das immer viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir sollten alle weiterhin darauf achten, uns auszutauschen, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und uns gemeinsam dafür einzusetzen, dass wir eine offene Stadtgesellschaft bleiben.

Was wären drei Dinge, die es in Görlitz mal gab, die Dir fehlen und die es wieder geben sollte?

Auch wenn ich erst seit drei Jahren in Görlitz lebe, weiß ich, dass es Zeiten gab, in denen mehr Brücken über die Neiße führten und die beiden Stadtteile somit besser miteinander verbunden waren. Ich bin der Meinung, es sollte wieder mehr Brücken geben.

Wie stellst Du Dir die Zukunft der Stadt vor? Was wird sich verändern?

Ich hoffe, dass die Stadt noch grüner wird und wir in Zukunft vielleicht eine autofreie Innenstadt haben. Es gibt schon ein paar gelebte Beispielstädte, wie zum Beispiel in den Niederlanden, in denen man erleben kann, dass mehr Grün und weniger Autoverkehr bessere Luft und ein stressfreieres Leben ermöglichen. Das Auto gilt dort nicht als Prioritätsverkehrsmittel – es gibt viele Straßen, die nur für Fahrräder gedacht sind. In Görlitz gibt es ja diese Diskussion um das Parkplatzproblem. Es gäbe zu wenig Parkplätze in der Innenstadt. Ich finde aber, dass man in einer Kleinstadt wie Görlitz, wo die Wege so kurz sind, nicht den Anspruch haben sollte, vor der Haustür parken zu wollen.

Wenn Du morgen mit einem oder mehreren Menschen sprechen könntest, der oder die die Entwicklung der Stadt entscheidend beeinflussen können, mit wem würdest Du worüber sprechen und warum?

Zu allererst würde ich mich wahrscheinlich in eigener Sache für ein höheres Budget im Bereich der Kultur einsetzen. Mir scheint es so, als ob dieser Bereich an Wichtigkeit verloren hat. Er läuft so nebenbei; es gibt nicht viel Geld dafür. Ich sehe da allerdings ein großes Potential. Es ist so wichtig, die bestehende Kultur-, Vereins- und Initiativenlandschaft der Stadt stark zu unterstützen. Kultur prägt uns und beeinflusst jeden Bereich unseres Lebens. Durch rechte Tendenzen und Ausländerfeindlichkeit entsteht im Moment ein sehr negatives Bild von Görlitz. Dem sollte man positive Narrative entgegensetzen und ich glaube das 950. Jubiläum der Stadt im nächsten Jahr könnte eine große Chance sein. Die Stadt sollte sich vornehmen, dafür ein gemeinschaftliches Narrativ zu entwickeln, in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Görlitzer Vereinen und Initiativen.

Was sollte sich Görlitz auf jeden Fall bewahren?

Die schöne Bausubstanz, die offene Grenze und das Engagement der Menschen für eine bunte und offene Demokratie.


Blick auf den Obermarkt zum Altstadtfest

Drei Zeiten Görlitz ist ein bürgerjournalistischer Beitrag von Sophia Seifert.
Sophia studiert an der Universität Leipzig Ethnologie und Germanistik. Die gebürtige Görlitzerin sieht es als notwendig an, verschiedenste Meinungen zu Gehör zu bringen, um ein gesamtgesellschaftliches Bild darstellen und überhaut einen Austausch ermöglichen zu können. Sie ist der Auffassung, dass Demokratie nur über den Diskurs funktionieren kann. Und dafür ist es nötig, zuzuhören, zu diskutieren und zu verstehen.


Die bürgerjournalistischen Beiträge sind Teil der Projekts Sachsen im Dialog.
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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