“Что делать?” – Lenin zwischen Hopp und Pop | Virtuelle Vernissage

Skulpturenparks des Sozialismus             

Der Park der Künste „Museon“ in Moskau und mein Bezug zu Lenin

Fotografien von Elena Pagel

Park der Künste „Museon“ in Moskau, © Foto: Elena Pagel

Ich bin in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen. Aus unserem Fenster am Oktoberplatz im Zentrum von Barnaul habe ich jeden Tag auf ein Lenin-Denkmal gesehen. Im Mantel, mit seiner Münze in der Hand stand er neben der Mittelschule, in die ich zehn Jahre lang gegangen war. Wie ein Baum stand er dort und Fußgänger liefen Tag für Tag vorbei, ohne ihm große Aufmerksamkeit zu schenken.

An seinem Geburtstag wachten die besten Schüler – immer zu dritt – an seinem Sockel mit einer schweren roten Flagge aus Samt. Einmal war auch ich an der Reihe, das war für uns Schüler eine große Ehre. Ich war damals 9 Jahre alt. An diesem sehr stürmischen Tag schlug mir der Wind mit der schweren Flagge plötzlich mein rotes Käppi vom Kopf, ein wichtiges Attribut der Pionierkleidung. Die Situation war mir peinlich, denn wir Pioniere durften unsere Wache nicht verlassen. Ich hatte schon fast geweint als ein alter Mann es aufhob und mir wieder auf den Kopf setzte. Ich war ihm sehr dankbar dafür und meine Augen leuchteten wieder. Das war die einzige konkrete Erinnerung, die ich mit dem Lenin-Denkmal verbinde.

In den 1990er Jahren begann auch in meiner sibirischen Heimatstadt Barnaul der „Leninopad“, der Abriss der sowjetischen Statuen. Der Lenin auf dem zentralen Platz jedoch hat diese Zeit der Transformation zunächst gut überlebt. Ich selbst hatte keine innere Bindung zum Sowjetsystem, das war mir als Jugendliche ziemlich egal, hat mich später nur ermüdet. Ich habe die Veränderungen sehr begrüßt, mir andere Wege gesucht und bin 1999 nach Deutschland umgesiedelt.

Mindestens einmal im Jahr kehre ich nach Barnaul zurück, um meine Familie zu besuchen. Bei einem dieser Besuche stellte ich fest, dass der Lenin verschwunden war. An seiner Stelle steht die Figur eines Sämanns auf dem Sockel als Symbol der Bauern-Umsiedler. Ehrlich gesagt, war ich traurig. “Mein” Lenin war für mich eine Verbindung in die Kindheit, zu meiner Schulzeit, den Schulfreunden, zur Schule, die leider auch geschlossen war. Und auch die Pappeln waren gefällt, der zentrale Platz nun von großen hässlichen Werbeplakaten bestimmt.

Ich reise oft in die postsowjetischen Länder und wenn ich dort Relikte aus der Sowjetzeit entdecke, kommt in mir Freude auf und ein Lächeln und ich fotografiere sie.  Nein, sie haben für mich auf keinen Fall eine politische Bedeutung, es ist eher ein Gefühl, wie beim Betrachten alter Fotos oder alter Filme. Für mich ist das eine Vergangenheit, die auch meine Vergangenheit ist.

Das bewog mich auch dazu, den „Museon“, den Skulpturenpark der Tretjakow-Galerie neben dem Zentralen Haus des Künstlers in Moskau, zu fotografieren. Nach den Ereignissen vom August 1991 wurden im ganzen Land Sowjet-Skulpturen demontiert. Viele wurden in diesem Park abgelegt. Der Moskauer Bürgermeister entschied dann 1992, ein Freiluftmuseum für Sowjetkunst auf diesem Gelände zu errichten. Mit über 800 Exponaten ist es heute die größte Sammlung dieser Art. Denkmäler und andere Artefakte oder Dokumente vergangener Epochen sollten in irgendeiner Form erhalten bleiben. Dann können sie jüngeren Generationen eine Vorstellung über totalitäre Regime vermitteln, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Elena Pagel

Sowjetisches „Stonehenge“ in der Steppe Bessarabiens

Fotografien von Aleksandr Sinelnikov

„Steinkreis“ der Lenin-Skulpturen in Frumushika Nova, © Foto: Aleksandr Sinelnikov

Auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Tarutinsker Steppe in der Region Odessa befindet sich etwa 15 Kilometer entfernt von der Grenze zu Moldawien das bessarabische Freilichtmuseum „Frumushika Nova“. Der Geschäftsmann Aleksander Palariev, dessen Vorfahren aus dem 1946 geschliffenen Dorf Frumushika stammten, begann 2006 damit, es wieder zu beleben. Er begann mit dem Aufbau des mittlerweile größten Zuchtbetriebes für Karakulschafe in Europa. Es folgten ein Zentrum für ethnografischen und grünen Tourismus und ein Park mit folkloristischen Skulpturen.

Angeregt von einem Besuch im litauischen „Gruto Parkas“ beschloss er etwas Ähnliches auch auf seinem Gelände zu errichten. Schon lange vor dem „Leninopad“ sammelte er, überall in der Ukraine Büsten und Statuen aus der Sowjetzeit und stellte sie zu einem „Museum für Denkmäler des sozialistischen Realismus“ zusammen. Diese Sammlung ist jedoch bewusst apolitisch gehalten, als eine reine Touristenattraktion Teil des gesamten Museumskomplexes.

Der ukrainische Fotograf Aleksandr Sinelnikov schrieb dazu:

„Ich war 2013 das erste Mal dort auf einem Foto-Pleinair. Als ich durch die Umgebung spazieren ging, kam ich plötzlich zu einem Platz, auf dem viele Denkmäler und Figuren aus sozialistischen Zeiten standen, vor allem viele Lenin-Statuen.
Die Denkmäler waren in Gruppen angeordnet oder in Reihen, manchmal standen sie auch einzeln. Ich assoziierte sie mit den Stelen auf der Osterinsel oder mit Stonehenge. Die verschiedenen Statuen und Büsten sahen ungewöhnlich und spannend aus, sodass ich beim Fotografieren verschiedene Kamerawinkel ausprobierte, um diese erstaunlichen Formen in Verbindung mit dem Ort zu maximieren.
Ich glaube, dass man Denkmäler nicht zerstören darf, da sie ein Teil der Geschichte sind. Es ist gut, dass sie aus verschiedenen Regionen der Ukraine gesammelt, vor Zerstörung gerettet und hierher gebracht wurden. Sie haben jetzt einen anderen Zweck. Sie erinnern uns an die Vergangenheit und erfreuen Touristen.
Im Jahr 2017 habe ich Frumushika wieder besucht, die Natur und die leckere lokale Küche genossen. Im Park gab es nun viel mehr Denkmäler.”

JO

Unter Stalins Stiefeln – Memento Park Budapest

Fotografien von Matthias Schumann

Lenin und Stalin im „Abstellraum der Geschichte“ im Memento Park in Budapest, © Foto: Matthias Schumann

Marx und Engels – futuristisch anmutend – und ein eher naturalistisch modellierter Lenin blicken aus den Nischen einer neoklassischen Scheinfassade, die den Eingangsbereich zum Budapester Memento Park markiert, auf ein großes Nichts, welches sich aus zwei riesigen, auf einem mächtigen roten Bachsteinsockel stehenden Bronzestiefeln in den Sommerhimmel erhebt. Dieses Nichts füllte bis 1956 eine acht Meter hohe Statue Stalins aus, die als das bedeutendste Denkmal aus der Ära des Kommunismus in Budapest galt. Die Statue stand auf einem reichlich neun Meter hohen Podium am Paradeplatz in der Nähe des Budapester Stadtwäldchens (Városliget). Vom Podium aus, das mit symbolischen Reliefs verziert war, beaufsichtigten kommunistische Parteikader die Militärparaden. Im Zuge des antisowjetischen Aufstandes 1956 wurde die Statue gestürzt, sodass lediglich die Stiefel stehen blieben. Heute steht auf diesem Platz ein Denkmal für den Volksaufstand, welches an die antisowjetische Revolte erinnert.

Eine Osteuropa-Pressereise führte mich im Juni 2019 in den an der alten Landstraße nach Wien in einer Vorortödnis im Südwesten von Budapest gelegenen Memento Park – dem Skulpturenpark der sozialistischen „Helden“. Das achteckig gestaltete Areal umfasst eine Sammlung von Denkmälern und Skulpturen aus der Zeit des ungarischen Realsozialismus. Ursprünglich nach einer Idee des ungarischen Literaturhistorikers Lászlo Szörényi als reiner „Leningarten“ gedacht, in dem alle Leninstatuen und -büsten Ungarns versammelt werden sollten, sind hier seit seiner Eröffnung 1993 über 40 sozialistische Exponate aus der Zeit zwischen 1947 und 1987 zu sehen, von denen allerdings nur drei Lenin selbst darstellen.

Ergänzt wird der „Denkmalfriedhof“, der den offiziellen Namen „Ein Urteil über die Tyrannei“ trägt, durch ein Besucher- und Bildungszentrum, welches als „Zeugenplatz“ bezeichnet wird und in dessen Baracken u.a. eine Ausstellung zum Thema „Leben in Ungarn während des Kalten Krieges“ zu sehen ist. Der Name „Zeugenplatz“ steht für die ost- und mitteleuropäischen Plätze, an denen einst Aufstände gegen das Sowjetregime ausgebrochen waren. So wird nicht nur an die Aufstände in Budapest, sondern auch an Prag, Warschau und Berlin erinnert. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung bilden die Unruhen von 1989-1990, als das gesamte kommunistische System zusammenbrach und die Ereignisse des Jahres 1956, als die Stalinstatue gestürzt wurde.

Verlässt man die ausgewiesenen Wege zwischen Park und Baracke und folgt einem Trampelpfad ins Halbdunkel der Unterwelt des Stalinstiefelpodiums finden sich dort auf Europaletten-Sockeln thronend weitere Leninbüsten und Statuen in zufälligen Arrangements. Vom alten gebeugten Lenin, der über sein kindliches Gips-Ich sinniert bis zu metaphorischen Konstellationen von Lenin- und Stalinköpfen wird auch hier im „Abstellraum der Geschichte“ Geschichte interpretiert.

Der Architekt Ákos Eleőd, der Gestalter des Skulpturenparks, versuchte, die einzelnen Werke in der Freiluft-Ausstellung als Dokumente zu zeigen, die den Geist entlarven, in dessen Namen sie einst geboren wurden. Zitat Eleöd: „Dieser Park handelt von der Diktatur, aber in dem Moment, als das frei auszusprechen, zu beschreiben, zu bauen ist, in dem Moment handelt er schon von der Demokratie. Allein die Demokratie ist im Stande dazu, dass sie die Möglichkeit bietet, frei über die Diktatur nachzudenken – oder gerade über die Demokratie, oder über was auch immer.“

Matthias Schumann (MS)

Gruto Parkas – Museum der Sowjetskulpturen in Litauen

Fotografien von Jan Oelker

Lenin-Denkmal aus Panevėžys im Grutas-Park in Litauen, © Foto: Jan Oelker

Als erste Sowjetrepublik erklärte Litauen bereits im März 1990 seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. So verschwanden dort die skulpturalen Reliquien der Sowjetmacht auch zuerst flächendeckend aus dem öffentlichen Raum. Die Statuen wurden zum größten Teil jedoch nicht zerstört, sondern erst einmal eingelagert.

Nach jahrelangen Diskussionen über ihr Schicksal – zerstören oder erhalten – bekam der Verein Hesonos Klubas, hinter dem der Unternehmer Viliumas Malinauskas steht, 1998 den Zuschlag des Kulturministeriums, einen Park mit diesen Skulpturen zu errichten. Auf einem 20 Hektar großen Areal in Grutas bei Druskininkai eröffnete Malinauskas am 1. April 2001 das Museum der Sowjetskulpturen „Gruto Parkas“. Der über zwei Kilometer lange Parcours wird von über 80 Statuen, Büsten, Wandbildern und Denkmälern gesäumt. Auf Erklärungstafeln werden der historische Kontext der jeweiligen Skulptur und Hintergründe über die dargestellten Personen vermittelt.

Bei Betrachtung mehrerer Lenin-Statuen lässt sich ein gewisser Kanon an Gesten erahnen,  auf den die Bildhauer immer wieder zurückgriffen: der Voranschreitende, der Redner, der ein Schriftstück Haltende, der Lesende oder der Wegweisende, wie die Skulptur, die der Bildhauer Nikolai Wassiljewitsch Tomski (1900 – 1984) im Jahr 1952 für die litauische Hauptstadt Vilnius schuf. Von ihm stammt auch das Lenin-Denkmal von Irkutsk aus demselben Jahr, dessen nahezu identische Ähnlichkeit vermuten lässt, dass sie aus derselben Form gegossen wurden. Das Lenin-Denkmal in Vilnius wurde am 23. August 1991 abgerissen – zwei Tage nach der Niederschlagung des Putsches gegen Gorbatschow in Moskau. Tomski ist auch der Schöpfer des Lenin-Denkmals von Berlin, dessen Kopf heute in der Zitadelle Spandau ausgestellt ist.

Der berühmteste unter den im Grutas Park zu findenden Bildhauern ist wohl Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch (1908 – 1974) von dem das 1971 in Palanga errichtete Lenin-Denkmal stammt. Wesentlich bekanntere Werke von ihm sind der „Befreiungskrieger“ auf dem Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park von 1949, die 1959 im Garten des UN-Gebäudes in New York aufgestellte Bronzeskulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ und das Denkmal „Mutter Heimat ruft“ auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd aus den Jahren 1970 – 73.

Im Grutas Park findet man aber auch Figuren, die aus den gängigen Darstellungsmustern für Lenin-Skulpturen ausbrechen, wie die Denkmäler für die Städte Klaipeda (1976) und Panevėžys (1983) des Bildhauers Gediminas Jokūbonis (1927 -2006).  Seine Lenin-Figuren wirken moderner, ihre Gesichtszüge wesentlich distanzierter, mit ihrem vorgestreckten Kinn geradezu kühl. Mit der schon abstrakter gestalteten Figur aus rotem Granit, die bis 1990 in Panevėžys stand, begann der Künstler, sich vom sozialistischen Realismus zu entfernen. Die tief ins Gesicht gezogene Mütze, der steife Kragen und vor allem die abweisende Kopfhaltung geben dem Gründer der Sowjetunion das Aussehen eines Tschekisten. Es zeigt das andere Gesicht Lenins, der unmittelbar nach der Oktoberrevolution die Gründung der Tscheka anordnete. Dieser berüchtigte Geheimdienst, der jede oppositionelle Aktivität blutig unterdrückte, schuf die Basis für das sowjetische Repressionssystem, das in den ersten vier Dekaden der Sowjetunion Millionen Opfer unter der eigenen Bevölkerung verantwortete und permanente Angst im Volk schürte.

JO

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