“Что делать?” – Lenin zwischen Hopp und Pop | Virtuelle Vernissage

20 Jahre Festungshaft: Der Berliner Lenin in der Zitadelle Spandau

Fotografien von Jan Oelker

Kopf des Lenin-Denkmals vom ehemaligen Lenin-Platz in Berlin im Museum in der Zitadelle Berlin-Spandau
© Foto: Jan Oelker

Die größte Leninstatue auf dem Gebiet der DDR stand – wie sollte es anders sein – in der Hauptstadt. Das 19 Meter hohe Denkmal des sowjetischen Bildhauers Nikolai Wassiljewitsch Tomski wurde am 19. April 1970 anlässlich Lenins 100sten Geburtstages vom Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht eingeweiht. Der „Rote Riese“ aus ukrainischem Kapustino-Granit dominierte den ehemaligen Lenin-Platz in Berlin-Friedrichshain, den heutigen Platz der Vereinten Nationen.

Im wiedervereinigten Berlin war der Drang der Stadtoberen besonders groß, sich schnell der Relikte des untergegangenen Systems zu entledigen. Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Friedrichshain entschied am 18. September 1991 mit deutlicher Mehrheit den Abriss des Lenin-Denkmals. Der damalige Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz Volker Hassemer sicherte diesem Beschluss rechtliche Rückendeckung, in dem er die Lenin-Statue von der Denkmalliste streichen ließ.

Rigoros begann am 8. November 1991 trotz zahlreicher Proteste und Klagen, sowohl von der Bürgerinitiative Lenin-Denkmal als auch von den Erben des Bildhauers, der Abriss des Monuments, der sich bis Februar 1992 hinzog. Die 129 Granitblöcke wurden auf einem Schießstand im Wald im Berliner Südosten nahe des Müggelheims vergraben.

Nach 23 Jahren „Friedhofsruhe“ im märkischen Sand rührte Andrea Theissen am Schlaf dessen, der einst „am Schlaf der Welt rührte“. Die Museumsleiterin der Zitadelle Spandau und zugleich Kulturamtsleiterin des Stadtbezirkes im Berliner Westen bemühte sich gegen reichlich Widerstand aus dem Senat um die „Exhumierung“ des Kopfes vom Friedrichshainer Lenin-Denkmal. Ohne dieses Relikt eines der wichtigsten Berliner Monumente der DDR-Zeit würde ihre Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ nur unvollständig wirken.

Am 10. September 2015 wurde Lenins Kopf geborgen und seit April 2016 ist er Teil der neuen Dauerausstellung im ehemaligen Proviantmagazin in der Zitadelle Spandau. Für die nächsten zwanzig Jahre – so lange ist die Ausstellung geplant – wird er nun in seinem Backstein-„Mausoleum“ ruhen, gut „bewacht“ von seinem einstigen Geheimdienst-Chef Feliks Dzierzynski aus der gegenüberliegenden Ecke des Raumes. Dessen Denkmal stand einst auf dem Gelände der Bezirksleitung Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit in Friedrichsfelde.

In gewisser Weise ist es schon kurios und auch bezeichnend für den Prozess der Aufarbeitung der DDR-Geschichte nach der Wiedervereinigung, dass sich die beiden größten Lenin-Statuen der DDR heute auf dem Gebiet außerhalb der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone befinden: der Berliner Lenin im Westen der Hauptstadt und der Dresdner in Schwaben. Auf der anderen Seite blieben sie so für die Nachwelt erhalten, wurden nicht zerstört. Man kann sie ansehen und anfassen, darüber nachdenken und diskutieren.  Sie stehen nicht mehr als Symbole der Macht auf einem Sockel, sondern als Teil der eigenen Geschichte auf Augenhöhe. Das hilft, sie zu begreifen – im doppelten Sinne des Wortes.

JO

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